0800 202 0 776
Angebot erhalten
Webinar-Rückblick: Pflege am Limit – Wenn Angehörige im System allein gelassen werden

Webinar-Rückblick: Pflege am Limit – Wenn Angehörige im System allein gelassen werden

Pflege ist in Deutschland längst ein Dauerthema – in der öffentlichen Debatte jedoch meist als Kosten- und Strukturfrage. Im Webinar „Pflege am Limit“ rückte Pflege- und Betreuungsanbieter ATERIMA CARE den Blick bewusst auf pflegende Angehörige, die den größten Teil der Versorgung tragen und schuf Raum für eine Expertenrunde, um mögliche Lösungsansätze zu diskutieren. Eine repräsentative Umfrage unter 1000 Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen lieferte dafür die Datenbasis.

Hohe Last, geringe Entlastung

Die Umfrage-Ergebnisse zeigen ein Bild starker Überforderung auf: Lediglich 7,2 Prozent nehmen häusliche Betreuung in Anspruch, obwohl Angehörigenpflege mit 85,7 Prozent von nahezu allen Befragten als emotional belastend beschrieben wurde. Die Studie verweist außerdem auf einen Gender‑Unterschied in der Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Männer seien eher offen für Delegation, Frauen fühlen sich eher verantwortlich. Gleichzeitig beeinträchtigt die Pflegesituation Unbeschwertheit, Schlaf, soziale Kontakte und Erholung. Das Kernproblem: 66,3 Prozent der Pflegenden fühlten sich unzureichend informiert, 57,2 Prozent haben den Eindruck, Leistungen nicht auszuschöpfen.

ATERIMA CARE: „Hinter jeder Zahl steht ein Mensch“

Auf Basis der Daten stellte Peter Blassnigg, Geschäftsführer von ATERIMA CARE, die Perspektive der Beratungspraxis dagegen: „Die Pflege-Debatte verliert sich zu oft in Zahlen, obwohl hinter jeder Zahl letztendlich ein Mensch steht – und damit meist eine Familie, die versucht, irgendwie zu funktionieren.“ Blassnigg kritisierte zudem, dass Politik und Medien vor allem auf den stationären Bereich blickten, während ein Großteil häuslicher Pflege unter dem Radar bleibe: „Wenn man über die 16% in stationären Einrichtungen spricht, redet man viel zu wenig über die 84% der Familien, die Pflege zu Hause bestreiten.“

Aus der täglichen Praxis beschrieb er den Moment, in dem Pflege plötzlich beginnt – nach einem Sturz, einer Demenzdiagnose oder wenn das Krankenhaus anruft und die sofortige Entlassung anordnet. Angehörige suchten nachts online Orientierung zwischen Pflegegraden, Verhinderungspflege und Entlastungsbeträgen und versuchten parallel, berufstätig zu bleiben und emotional stabil zu funktionieren. Sein zentraler Punkt: „Grund für die Überlastung ist nicht, dass Menschen zu bequem werden, sondern dass das System so kompliziert ist. Wir brauchen Koordination, Orientierung und mehr Menschlichkeit.“ 

Expertenrunde: Beratung, Komplexität, Distanzpflege, Rolle der Arbeitgeber

In der anschließenden Expertenrunde diskutierten Peter Blassnigg, Mona Griesbeck (Care & Work), Martin Killimann (VdK Deutschland), Thomas Greiner (Arbeitgeberverband Pflege) und Rainer Stadler (Politikressort Süddeutsche Zeitung) mit Fokus auf die Frage der Umsetzung besserer Maßnahmen.

Greiner warnte davor, Unterstützungsansätze vorschnell auf informelle Hilfe zu reduzieren, und forderte radikale Vereinfachung, eine konkrete Anlaufstelle und keine Differenzierung zwischen häuslicher, stationärer oder ambulanter Pflege: „Das System in dem wir arbeiten, das ist einfach überkomplex. Wir haben eine Riesenzahl von Playern, die involviert sind: Bund, Länder, Kassen, Heimaufsichten – das ist für die meisten Menschen nicht mehr durchschaubar.“ Griesbeck blickte zudem auf die Realität der Distanzpflege: Care-and-Work begleite auch international arbeitende Familien, diese stünden vor zusätzlichen Koordinationsproblemen und immensen Schwierigkeiten, Versorgung klassisch vor Ort zu organisieren. Killimann machte deutlich, dass aktuelle Strukturen vor allem an zersplitterten Zuständigkeiten und fehlender Verbindlichkeit scheitern: “Es gibt viel zu viele Akteure – alle sind verantwortlich und damit ist keiner verantwortlich. Wir als VdK sagen, wir brauchen einen Akteur und sehen ganz klar die Kommunen in der Verpflichtung.” Stadler wiederum kritisierte die fehlende Präsenz pflegender Angehöriger in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen: „Pflegende Angehörige sind eine riesige Masse an Menschen, auf die wir dringend angewiesen sind, die aber keinerlei Stimme haben in der Öffentlichkeit.“ Ein weiterer Diskussionsstrang betraf die Perspektive und Rolle der Arbeitgeber sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege als systemrelevante Frage statt als individuelles Organisationsproblem.

Von der Theorie zum Handeln

Das Webinar zeigte: Die Belastung pflegender Angehöriger ist ein zentraler Punkt in Versorgung, Familienleben und Arbeitswelt. Mit repräsentativen Umfrageergebnissen als Grundlage machte die Diskussion klar, dass die entscheidende Lücke häufig zwischen Anspruch und Zugang liegt: Informationen, Beratung und Koordination sind vorhanden oder vorgesehen, kommen aber im Alltag der Betroffenen oft zu spät oder gar nicht an. 

Zentrale Forderungen

Aus der Expertendiskussion lassen sich fünf lösungsorientierte Forderungen ableiten:

  1. Pflegeberatung massiv stärken und niedrigschwellig gestalten
    Es braucht eine bessere, leichter zugängliche Beratung für pflegende Angehörige. Diese darf keine bloße Zusatzleistung bleiben, sondern muss als fester System-Bestandteil integriert werden, damit Unterstützung dort ankommt, wo sie dringend gebraucht wird.

  2. Bürokratie und Komplexität senken – leichter zugängliche Leistungen
    Unterstützung darf nicht davon abhängen, ob Angehörige Formulare, Anträge und Systemlogik beherrschen. Prozesse müssen einfacher, übersichtlicher und verständlicher werden und sich individuell an die Lebenssituation der Pflegebedürftigen anpassen lassen.

  3. Arbeitgeber stärker in die Verantwortung nehmen
    Vereinbarkeit von Beruf und Pflege muss auch als arbeitsweltliches Thema gesehen werden. Arbeitgeber sind ein relevanter Hebel in Sachen Beratung, Flexibilität, Kultur und dürfen in der Debatte nicht fehlen.

  4. Distanzpflege und familiäre Realität systematisch mitdenken 
    Unterstützungsmodelle müssen auf moderne Lebensrealitäten passen: Distanzpflege (Angehörige wohnen/arbeiten woanders) und Mehrfachbelastungen brauchen individuelle Koordination und flexible Angebote.

  5. Debatten-Fokus verschieben und häusliche Pflege sichtbar machen
    Politik und Medien müssen die häusliche Versorgung stärker in den Fokus rücken. Die Debatte sowie Maßnahmen dürfen nicht primär um stationäre Pflege kreisen, wenn der Großteil tatsächlich zu Hause durch Angehörige geleistet wird.
100% selbst
rekrutiertes
und geprüftes Personal
Schnelle Hilfe
(ab 3 Tage nach
Anforderung)
Spezielles
Pflegefachteam